LUKAS RATHJEN
Wenn es um «Kunst» und «Exil» geht ist Bertolt Brecht eine besonders spannende Figur. Zu Beginn Ihres Buches über Brecht und die Schweiz schreiben Sie: «Wäre alles seinen gewohnten Gang gegangen, sie [Brecht und die Schweiz] hätten sich kaum je kennen gelernt». Herr Wüthrich, was ist damals aus dem «gewohnten Gang» geraten?
WERNER WÜTHRICH
Wir kennen das heute wieder: Der geopolitische Gang wird plötzlich, von welcher Macht auch immer, in Frage gestellt. Die Neuaufteilung wird gefordert, erst wirtschaftlich, dann militärisch. Wer das ausspricht und öffentlich aufzeigt, in welcher Form auch immer, wird mundtot gemacht. Bertolt Brecht musste 1933 aus dem Deutschen Reich, ins Nachbarland flüchten, wo ihn der lange Arm der Geheimdienste Nazi-Deutschlands weiterverfolgte. KUNST und EXIL ist der Versuch, MACHT und OHNMACHT zu vertauschen. EXIL ist existenziell. Wie auch Theaterkunst, bei der es immer um Sein oder Nichtsein geht.
LUKAS RATHJEN
Brechts Verhältnis zur Schweiz war ambivalent. Einerseits wurden am Schauspielhaus Zürich bedeutende Werke wie «Leben des Galilei» uraufgeführt, andererseits fühlte sich Brecht in der Schweiz keineswegs nur willkommen. Wie würden Sie dieses Verhältnis beschreiben?
WERNER WÜTHRICH
Ihm erschien die Schweiz als Exilland 1933 «zu teuer, hat keine Städte – eine Theaterdekoration (aber ohne Bühnenarbeiter)». Bertolt Brecht war nicht willkommen, auch hier in Zürich nicht.
Der revolutionäre Theatermann und Autor des Welterfolges «Die Dreigroschenoper» hatte in der Schweiz zu Beginn der Exiljahre, im Frühjahr 1933, einen kleinen Freundeskreis und eine grosse Gegnerschaft. Erst recht dann nach den grossen Uraufführungen 1947 bis 1949 als Brecht zum einen als «der grösste zeitgenössische Stückeschreiber» und Hoffnungsträger willkommen geheissen wurde; von konservativer Seite aber, mit Seitenblick auf Kurt Hirschfeld, gegen das «verhätschelte Schosskind aller Leiter und Dramaturgen schweizerischer Theater» heute schier unvorstellbare Polemiken lanciert wurden.
Zentral war auch das ambivalente Verhältnis Brechts zur damaligen Schauspielhaus-Leitung. Er und sein Bühnenbildner Caspar Neher waren in Zürich 1947 bei ihrem Wiedersehen in einem totalen Dilemma: Das auf einmal so gefeierte Emigranten-Ensemble stand grundsätzlich auf einem anderen künstlerischen Fundament als ihre Vorstellungen von einem zeitgenössischen, lebendigen Theater.
Einzig Kurt Hirschfeld konnte Brecht und Neher verstehen. Nur war der Dramaturg am Schauspielhaus zwar für Direktor Oskar Wälterlin und dessen Konzeption eines poetischen Realismus unentbehrlich, aber stets nur geduldet. Doch dieses Dilemma um ihre politischen und künstlerischen Widersprüche wollte später in der Brechtforschung und der Theatergeschichte niemand mehr so genau wissen: es hätte dem Mythos vom legendären Ensemble abträglich sein können.
Tatsache aber ist auch, dass die Schweizer Öffentlichkeit Brecht nie als Dichter und Autor oder gar als angehenden modernen Klassiker wahrgenommen hat, sondern stets als «heimlichen Politkommissar von Stalins Gnaden» und «feindlichen Ausländer».
LUKAS RATHJEN
Brecht hat 1949 die Schweiz nach nur 2 Jahren wieder verlassen. Ruth Berlau hat ihn in diesen Jahren immer wieder in einer Pose des Wartens fotografiert. Worauf hat Brecht gewartet?
WERNER WÜTHRICH
Bertolt Brecht hat in der Schweiz – aber nicht passiv – auf mehrere Dinge gewartet: Auf einen Pass, um überhaupt im neuen Europa reisen zu können. Dann, von offizieller Seite endlich einmal als Künstler, Theatermann und Dichter wahrgenommen zu werden. Er hat in Chur und Zürich sein experimentelles Theater wieder aufgenommen, um hier eine eigene Theatertruppe zu gründen. Also: Bertolt Brecht hatte auf eine neue Heimat gewartet, die ihm letztlich auch in der DDR verwehrt geblieben ist. Hätte er denn sonst seinen Mitarbeiter Benno Besson aus Yverdon-les-Bains 1956 beauftragt, in der Gegend des Genfersees für ihn eine Bleibe zu suchen – möglichst in der Nähe von seinem guten Bekannten und verehrten Charles Chaplin?
LUKAS RATHJEN
Eine zentrale Figur am Schauspielhaus Zürich war in den 1930er- und 1940er-Jahren der Dramaturg Kurt Hirschfeld, der Brecht und anderen emigrierten Künstler*innen wichtige Möglichkeiten eröffnete. Was verband Brecht und Hirschfeld und worin unterschieden sie sich?
WERNER WÜTHRICH
Ohne die Berufung von Kurt Hirschfeld 1933 ans Schauspielhaus Zürich hätte es zehn Jahre später nie die Brecht-Uraufführungen gegeben, sondern erst viel später. Es gelang Kurt Hirschfeld mit einem gleichen Theaterverständnis, die hochaktuellen Exilstücke Brechts, unter grössten Widerständen und nach mehreren gescheiterten Versuchen, in den Spielplan zu bringen. Zürich hätte schon zu Beginn der Exilzeit «Die Heilige Johanna der Schlachthöfe» und weitere Uraufführung des umstrittenen Augsburger Autors haben können.
Nach der Abreise aus Zürich wollte Brecht mehrmals Kurt Hirschfeld – und übrigens Max Frisch und auch Friedrich Dürrenmatt – an sein Berliner Ensemble holen. Da waren plötzlich andere Zeiten. Hirschfeld aber entschied sich für das Schauspielhaus; mit den Folgen von 1950 bis 1959 – vorbildlich in den Jahren des Kaltes Krieges – auch den Brecht-Boykott an der Vorzeigebühne des Westens mitzutragen. Oder, die ganze Sache anders berichtet: Kurt Hirschfelds legendäre Brecht-Seminare über den zeitgenössischen Theaterautor, so Adolf Muschg, wurden in Pfauen-Nähe in das Hinterzimmer eines Kaffeehauses verlegt.
LUKAS RATHJEN
Nicht nur Zürich konnte für Künstler*innen zum Exil werden, auch die Kunst selbst war für viele ein Zufluchtsort, vielleicht sogar eine zweite Heimat. Gilt das auch für Brecht?
WERNER WÜTHRICH
Bertolt Brecht und Kurt Hirschfeld blieben, auch nach der Rückkehr des Exilautors aus den USA nach Europa, Vertriebene zwischen den Welten. Und beide hatten, ob in Zürich oder Brecht in Berlin-Ost, nur noch die eine Heimat: das Theater. Ja. Beide Theatererneuerer haben es immer auch so gesagt. Kurt Hirschfeld und Bertolt Brecht, standen in ihrem erhofften neuen, «wissenschaftlichen Zeitalter», mit beiden Beinen auf dem Boden – und doch blieben sie fremd in dieser Welt.
Natürlich. Sie betrachteten die Welt als ihre Bühne und waren Gäste auf den Bühnen der Welt. Ihre Heimat, Berlin und Deutschland, waren aber auch nach 1945 beiden meistens fremd, während das Fremde im Exil Heimat wurde.
LUKAS RATHJEN
Wenn wir heute auf Brecht und das Zürcher Schauspielhaus zurückblicken: Was können wir aus diesem Kapitel Zürcher Theatergeschichte für die Gegenwart lernen?
WERNER WÜTHRICH
Einfache Antwort: «Alle Künste tragen bei zur grössten aller Künste, der Lebenskunst», wusste auch Brecht. Theater ist anregend und muss Spass machen – jenseits und diesseits von Rampe und Vorhang. Na, und? Die Gegenfrage: Wollen wir nach hundert Jahren Brecht und Pfauen-Geschichte bei einer Aufführung, zum Beispiel bei einem erstarrten Brecht-Modell, in ein Theatermuseum gehen oder ein aktuelles Theater besuchen auf der Höhe der Zeit? Der Jetztzeit.